hamburger abendblatt, montag, 26. august 2006

Sie haben genug vom Gedudel Lärm: Verein "Pipedown" kämpft gegen öffentliche Musikbeschallung

Nein, Querulanten seien sie nicht. Sie möchten doch nur in Ruhe ihr Schnitzel essen. Ohne Gedudel als Beilage. "Ständige Hintergrundmusik verdirbt mir den Appetit", sagt Harald Fiedler. "Dabei bekomme ich keinen Bissen herunter."

Was dem 76-Jährigen da sauer aufstößt, ist mittlerweile in aller Munde. Oder besser, in aller Ohren. Leichte musikalische Klänge, die aus Lautsprechern öffentliche Plätze berieseln.

Viele nehmen die Hintergrundmusik kaum wahr oder empfinden sie als beruhigend - anderen zehrt sie mit ihrer Stetigkeit an den Nerven. In Supermärkten, im Fahrstuhl, im Wartezimmer, in Einkaufspassagen, in der Hotellobby und im Restaurant.

Deshalb haben sich diese anderen verbündet. In dem Verein "Pipedown - Lautsprecher aus!" kämpfen 25 Hamburger für ihr Recht auf Stille. Allen voran der pensionierte Musiklehrer Harald Fiedler, der den Verein mit bundesweit rund 250 Mitgliedern nach englischem Vorbild gegründet hat (www.lautsprecher-aus.de). "Pipedown" - umgangssprachlich heißt das so viel wie "halt die Klappe".

"Musik setzt Freiwilligkeit voraus", sagt Harald Fiedler, der betont, dass er die Musik liebe und selbst Klavier spiele - wann er es möchte. "Diese ständige Berieselung muss man allerdings aufnehmen, ob man will oder nicht." Und Fiedler will nicht. Also suchen er und seine Mitstreiter in einem Restaurant zuerst einmal den Chef auf, um ihn zu bitten, die Musik für die Dauer des Besuchs abzustellen. "In der Hälfte aller Fälle kommt man unserem Wunsch nach", sagt Fiedlers Lebensgefährtin Karin Ahlrichs (66). "Manche setzten uns auch in einen stillen Seitenraum."

Totenstille allerdings fordere der Verein nicht. Man kämpfe schlicht für akustische Freiräume, "Oasen der Ruhe in einer Stadt", wie Vereinsmitglied Susanne Paustian (63) aus Hummelsbüttel es nennt. Eine solch kostbare "Oase" drohe jetzt allerdings zu verschwinden: der Ratsweinkeller. "Er war eine der letzten Bastionen gediegener Restaurantkultur ohne Zwangsbeschallung", sagt Fiedler. "Wir befürchten, dass sich das mit den neuen Pächtern ändern könnte - dagegen appellieren wir."

Woanders klappe das auch, so Erich Meyer-Bothling. Der 73 Jahre alte Rentner aus Othmarschen habe in einigen Läden schon Gespräche mit dem Geschäftsführer geführt - dort werde nun immerhin gemäßigtere Musik gespielt. "Wir hoffen, dass sich ein Unrechtsbewusstsein entwickelt", sagt Claus Rolf (57) aus Rahlstedt.

Doch so einfach sei das nicht. Die Spieler der "penetrant plätschernden Hintergrundmusik" unterlägen dem Druck der Beschallungsindustrie. "Das ist ein riesiger Markt", sagt Fiedler.

Die Hintergrundmusik kann allerdings auch andere Gründe haben. "Bei uns soll sie nach Ladenschluss den Hall im Haus übertönen", sagt Dietmar Hamm, Centermanager im Levantehaus. Tagsüber müsse die Musik laufen, weil die Steuerrungsgeräte so eingestellt seien. "Uns ist das auch nicht so genehm", sagt Hamm. "Aber es wurde von Kunden und Ladenbesitzern gewünscht." Über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Jule Bleyer